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oder auch: Die Suche nach den Steinmännchen

Die Vorbereitung: Nach unserer ersten Tour im Alpstein wusste ich nun, dass mir das Wandern nicht nur Spaß macht, sondern eine Sucht wird. Viel frische Luft, eine atemberaubende Landschaft, fantastische Fotomotive und eine stundenlange sportliche Anstrengung. Genau mein Ding. Also ging es darum, einen neuen Gipfel für unser nächstes Abenteuer ausfindig zu machen. Schnell war dieser auch gefunden: der Piz Sesvenna (3205 m). Ken war in der Sesvenna Berggruppe schon einmal im Winter unterwegs und kannte sich daher dort etwas aus.

Nun muss man, um diesen 3.000er besteigen zu können, zunächst über einen Gletscher.  Ein Gletscher ist eine sich eigenständig bewegende Eismasse. Also etwas Gefrorenes, über das man sich nicht mit normalen Wanderschuhen fortbewegen kann. Das hieß also erst einmal shoppen: Nämlich Steigeisen und Bergstiefel der Kategorie D. Denn ihr erinnert euch: Ken, der erfahrene Bergmann, ich, die Anfängerin ohne Equiment natürlich.

Ich habe mich für folgende Produkte entschieden und bin auch nach der Tour immer noch begeistert davon. Einmal diese Steigeisen* und Bergstiefel von Hanwag* (Omega GTX).

Geschlafen haben wir auf der AVS Schutzhütte Sesvenna **, welche vom Alpenverein Südtirol saisonal bewirtschaftet wird. Wir buchten 2 Nächte im Matratzenlager, da die Hütte doch auch im September fast gänzlich ausgebucht war. Vor Ort nahmen wir allerdings dann 2 Betten im 4er-Zimmer, da glücklicherweise etwas frei geworden war. Die Nacht betrug als Mitglied im Alpenverein mit Halbpension 45 Euro. Freut euch schon auf das Essen. Es war himmlisch, auch wenn ich nach unserer Tour beinahe mal wieder über der Suppe eingeschlafen bin.

Die Anreise bis zur Hütte:

In der zweiten Septemberwoche war es dann soweit. Wir fuhren freitags morgens um 7 Uhr los und stellten das Auto in Schlinig, einem kleinen Dorf in Südtirol, auf einem dafür vorgesehenen Parkplatz ab. (Pro Tag circa 5-10 Euro. Genau können wir uns nicht mehr daran erinnern). Die Fahrtzeit betrug in etwa 7 Stunden von Trier aus. Vom Parkplatz aus folgten wir unproblematisch den Wegweisern, welche uns bis zur Schutzhütte führten. Der Weg ist eine Mischung aus Straße, Wander – und Trampelpfad und man legt in etwa 550 Höhenmeter zurück. Unterwegs trifft man nicht nur auf Murmeltiere oder auf Hüttenhunde, welche kläffend vor den Löchern eben dieser zuerst genannten süßen kleinen Tiere warten, sondern auch auf einen wunderschönen Wasserfall.

Wir brauchten in etwa 2 Stunden bis zur Hütte, inklusive Fotopausen und merhmaliger Umschnür-Aktionen meiner neuen Bergstiefel. Da die Tour relativ spontan geplant war, konnte ich diese nämlich nicht mehr zuvor einlaufen, sodass ich noch die richtige Sitzfestigkeit unterwegs modifizieren musste. In der Hütte angekommen, wurden wir erst einmal mit einem Schnaps Willkommen geheißen und unserem Zimmer zugeteilt. Mit einem älteren Ehepärchen teilten wir uns die Nacht und auch den Tisch im Speisezimmer. Zu Essen gab es ein Menü bestehend aus Vor-, Haupt- und Nachspeise.

Die Tour zum Piz Sesvenna:

Nach dem Frühstück um 7 Uhr machten wir uns auf den Weg und folgten dem Weg hinter der Hütte zunächst in Richtung der Sesvennascharte (Fuorcla Sesvenna). Um diese Uhrzeit war der Pfad noch schön im Nebel gelegen und ich konnte ein paar tolle Aufnahmen machen.

Dann entdeckten wir plötzlich, dass unsere Schatten von einem Regenbogenkreis umgeben waren. Nie zuvor gesehen faszinierte uns dieses Lichtspiel immens. Dieser Effekt wird übrigens als Brockengespenst bezeichnet. Anscheinend benannt durch Goethe, was eine schöne Anekdote ist, wenn man bedenkt, dass Ken als Germanist ganze Sammlungen dieses Schriftstellers daheim hat.

Wenn man an Goethe festhält kann man den uns darauffolgenden angebotenen Anblick durchaus als dichterich bezeichnen.

Vor der Sesvennascharte liegt der Furkelsee, in welchem sich majestetisch am Morgen der Föllerkopf spiegelte und ein imposantes Bild darbot. Früh aufstehen lohnt sich also für eine schöne Spiegelung im Wasser. Später im Bericht werdet ihr noch ein Foto dieses Sees aus einer anderen Perspektive während einer anderen Uhrzeit sehen.

Etwa ab der Hälfte des Weges bis zur Sesvennascharte lag übrigens bereits ein permanenter Geruch von Steinböcken in der Luft und deren Ausscheidungen machten sich auch auf dem Weg bemerkbar. Vom Fuß der Scharte konnten wir dann auch die immense Herde in Augenschein nehmen. Sie blockierten natürlich die letzten Meter des Weges. Mit einigem gebührenden Respekt und Abstand schlichen wir uns an den Böcken vorbei, verfolgt von den wachsamen Augen eines Steinbockes mit ziemlich großen Hörnern.

Wenn man in der Sesvennascharte ankommt, erhascht man einen herrlichen Ausblick auf den noch vor sich liegenden Weg. Aber natürlich auch auf den Gipfel des Piz Sesvenna und den darunter liegenden Gletscher. Dieser war allerdings doch erheblich kleiner als ich dachte und Ken im Kopf hatte. Wir folgten den weiß-roten Markierungen über das Geröllfeld, was ziemlich lange dauerte und sich als erheblich anstrengend erpuppte. Am Fuße des Feldes stießen wir auf ein Überbleibsel des Gletschers, welcher wohl mal wesentlich weiter ging, als er es jetzt noch tut.

Der Gletscher war leider ziemlich am Schmelzen und die Eisfläche war übersäht mit Geröll und ziemlich großen Steinklötzen. Es erschien uns nicht sicher genug, bereits am Anfang des Gletschers über diesen zu gehen.

Daher versuchten wir rechts vom unteren Gletscher den Aufstieg. Steinmännchen, welche von vorherigen Bergsteigern oftmals den Weg markieren, wenn künstliche Markierungen nicht mehr möglich sind, fanden wir leider keine. Ob es nun keine gab oder wir sie nicht gesehen haben, wissen wir nicht. Wir wussten nur, dass der Weg, den wir versuchten, nicht sicher genug war und wir einem erheblichen Steinschlagrisiko ausgesetzt waren. Daher drehten wir erst einmal wieder um, bis wir uns erneut am Fuß des Berges wiederfanden. Etwas gefrustet und ratlos, machte sich Ken kurzerhand ohne mich auf und ließ mich auf unsere Rücksäcke aufpassend und essend zurück. 15 Minuten vergingen, in denen ich langsam nervös wurde, bis sein orangfarbender Helm auftauchte. Er hatte endlich Steinmännchen entdeckt, die uns den Weg wiesen. Der Weg führte uns noch weiter rechts, weiter weg vom Gletscher entlang. Die Steinmännchen waren selten und schwer zu erkennen und die Gewissheit den richtigen Weg gefunden zu haben, bekamen wir nicht. Das Ganze zog sich ewig in die Länge bis wir endlich auf den Teil des Gletschers angelangten, welcher uns zum Gipfel führen konnte.

Dann war es so weit. Meine Steigeisen konnten endlich in Gebrauch genommen werden. Es ist übrigens gar nicht so einfach sich die Teile im Stehen anzuziehen, wenn der Untergrund steil und uneben ist.

Das Betreten des Eises war ein tolles Gefühl. Ken gab mir eine kurze Unterweisung wie der Eispickel bei einem Sturz zum Einsatz kommen muss, damit ich nicht den Gletscher hinunter rutschen würde. Zwar handelte es sich nicht um einen Gletscher bei welchem ich bei einem Fehler direkt in die Tiefe stürzen würde, allerdings birgt auch solche Umgebung immer ein Risiko, welches man umgehen sollte. Gewöhnungsbedürftig mit Steigeisen sind auch die breiteren Schritte, welche man setzen muss, um sich nicht mit den Zacken in der eigenen Hose zu verfangen und es so zu einem Sturz kommt. Natürlich musste ich auch die Kamera auspacken, sodass diese ersten Schritte bildlich für Mutti festgehalten werden konnten.

Wir gingen einige Zeit und ich merkte, dass ich sehr langsam auf dem Eis vorankam und vor allem so langsam meine Beine zu spüren waren. Wir hatten mittlerweile nach 13 Uhr und es lag noch die Hälfte des Gletschers vor uns, eine einstündige Gratwanderung bis zum Gipfelkreuz und der ganze Weg zurück zur Hütte. Die Suche nach den Steinmännchen und dem richtigen Weg hatte uns extrem viel Zeit und Kraft gekostet. Nach einiger Zeit der Überlegungen entschlossen wir uns den Rückweg anzutreten und lieber noch einige Aufnahmen zu machen. Wir waren uns einfach zu unsicher, ob wir es zeitlich und im Hellen wieder in die Hütte schaffen würden. Darüber hinaus gab es viel Gletscherschmelze und obwohl ich mit Ken bereits einen Spaltenbergungskurs absolviert habe, war uns das Risiko in eine Spalte zu treten zu groß. Natürlich war es sehr schade, zumal der Abstieg dann doch erheblich schneller ging als erwartet und wir es vermutlich doch gut zeitlich hätten schaffen können. Zudem zeigte Kens Uhr hinterher, dass wir uns auf 2.900 Höhenmeter befanden. Also mein Ziel einen 3.000er zu besteigen bleibt für 2019 weiterhin bestehen.

Dennoch war es ein wunderschöner Tag und bekanntlich ist ja der Weg das Ziel. Ferner stehen wir beide noch völlig am Anfang des Bergsteigens. Ken als Führer einer solchen und ich bin ja eh Anfängerin in allen Belangen. Also machten wir uns auf den Rückweg und ich konnte in Ruhe meiner Fotosucht frönen und wir genossen ein Picknick in der Stille der Berge mit Blick diesmal von oben auf den Furkelsee.

Als einige der letzten kamen wir dann auf der Hütte wieder an und tranken noch ein Bier auf der Terasse während die letzten Sonnenstrahlen langsam hinterm Horizont verschwanden. Nach einer weiteren Nacht auf der Hütte stiegen wir sonntags wieder ins wunderschöne Tal hinab und begannen mit dem nächsten Abenteuer: 1 Monat Klettern in Kroatien.

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